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15. April 2017 | Von: Gernot Zielonka

Uralt-Autotechnik für Europa, innovative in China

Während sich die Frankfurter IAA sechs Monate vor Beginn (September 2017) schon neun Absagen von Autobauern und elf von Fahrzeugmarken einhandelte, darunter Alfa Romeo, Fiat, Jeep, Peugeot, DS, Nissan, Infiniti, Mitsubishi und Volvo, und auf dem Genfer Autosalon Elektroautos nahezu unsichtbar waren, demonstriert Shanghai 2017 die Zukunftsthemen der Branche. Im Brennpunkt der mittlerweile wichtigsten Automesse der Welt steht der Aufbruch in die Zeit der Elektroautos und Vernetzung.

In Frankfurt sagen Autobauer ab oder planen ihren Messeauftritt kleiner, so wie etwa Audi, das nicht mehr mit der eigenen futuristischen und dafür unglaublich teure Agora-Halle plant. Ganz anders die Welt in Shanghai. Dprt debütieren völlig neue Automarken, wie Lynk & Co, NIO oder die in Hong Kong ansässige Hybrid Kinetic Group. Die Geely Tochter Lynk & Co startet in diesem Jahr mit dem Verkauf in China und will 2018 nach Europa kommen. Lynk & Co ist keine klassische Automarke, sondern will mit neuen Vertriebssystem, mit echtem Online-Vertrieb, den Autoverkauf ins Internetzeitalter bringen. So wie es bereits Tesla gemacht hat. Für den altehrwürdigen Autohandel wäre das eine Revolution.   

Elektroautos, neue Marken und der große Aufbruch. Anfang April, ein paar Tage vor Messebeginn, hat Ford angekündigt, ab dem Jahr 2018 in China mit dem Bau von Elektroautos, gemeinsam mit seinem Partner Changan zu starten. "We are prioritizing our electrification efforts in China to reflect its importance as a global electrified vehicle market and to make lives better, simpler and more cost-effective for Chinese consumers" hat Ford-Chef Mark Fields die Elektroauto-Produktion in China begründet. Bis zum Jahr 2020 will Ford 70 % seiner Modelle in China auch als Elektroversion anbieten.   

Ebenfalls eine Woche vor Messebeginn in Shanghai hat der Börsenwert des Elektroautounternehmens Tesla die Börsen-Bewertung von GM übersprungen. Ein Unternehmen, das in diesem Jahr 100.000 Neuwagen verkauft, wird höher eingeschätzt als ein Unternehmen mit fast 9 Mio. Verkäufen. Für Tesla ist China der Markt der Zukunft. Einen guten Monat vor der Shanghai Auto hat der chinesische Technologiekonzern Tencent für 1,8 Mrd. US-Dollar 5 % des Aktenkapitals von Tesla übernommen. Dabei ist Tencent schon länger mit anderen Start-ups unterwegs, u.a. mit Future Mobility, die durch die Abwerbung einer großen BMW-Mannschaft Aufsehen erregten.

Shanghai - Dynamik pur. VW und Skoda werden in Shanghai erstmals Elektro-SUV-Modelle auf der neuen MEB-Plattform (Modularen Elektrifizierungsbaukasten) des Konzerns zeigen. Bei Skoda heißt die Studie Vision E und ist als SUV-Coupé für eine Reichweite bis zu 500 km geplant. Der VW-Konzernstratege Thomas Sedran hatte vor ein paar Tagen in einem Interview den Schritt zur MEB-Plattform als „epochal für VW“ bezeichnet, so wie einst der Übergang vom Käfer zum Golf. Und genau dieser epochale Schritt wird auf Konzernbreite in Shanghai ausgerollt. VW will ab 2018 in China gemeinsam seinem Joint Venture Partner Anhui Jianghuai Automobile Company (JAC) den Bau von Elektroautos in China starten. 2020 soll das Joint Venture dann 400.000 Elektroautos in China verkaufen und bis zum Jahr 2025 auf deutlich mehr als 1 Mio. hochgefahren werden können.   

2025 mehr als 10 Mio. Elektroauto-Verkäufe in China. China ist der größte Markt für Elektroautos. 2016 wurden weltweit 873.000 Elektroautos und Plug-In Hybrideverkauft, davon in China 507.000. Damit hatten die sogenannten NEV, also reine Elektroautos und Plug-In Hybride, im Jahr 2017 in China einen Marktanteil von 2,1 % erreicht. Zum Vergleich, in Deutschland wurden im letzten Jahr 25.200 NEV zugelassen, was einem Marktanteil von 0,8 % entspricht. Größtes Segment in China waren 2017 mit 409.000 Neuwagen die reinen Elektroautos. Der chinesische Konzern BYD verkaufte vergangenes Jahr 100.183 Elektroautos, 70 % mehr als 2015. US-Starinvestor Warren Buffett muss das geahnt haben. Er hatte sich schon 2008 mit einem dreistelligen Millionenbetrag bei BYD eingekauft. Inzwischen wuchs der Börsenwert auf 17 Mrd. Euro, 2016 erzielte BYD mehr als 680 Mio. Euro Gewinn.   

Wie sich nach Einschätzung von  Prof. Dr. Ferdinand Dudenhöffer (Direktor des CAR-Instituts an der Universität Duisburg-Essen sowie Inhaber des Lehrstuhls für allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Automobilwirtschaft an der Universität Duisburg-Essen) der chinesische Pkw-Markt und der Absatz von NEV-Fahrzeugen, also Elektroautos, in China in den nächsten Jahren entwickelt zeigt sich schon jetzt: Für 2017 wird mit knapp 700.000 Verkäufen gerechnet. Das ist eher konservativ, denn das chinesische Industrie und Technologieministerium rechnet trotz Einschränkungen der Förderungen mit bis zu 800.000 NEV-Verkäufen in diesem Jahr. Bereits zum Jahre 2020 rechnet das CAR-Institut mit jährlich 4 Mio. NEV-Verkäufen in China. Die staatlich geplanten Elektroauto-Quoten werden dazu wichtige Impulse geben.

Der große Marktschub der Elektroautos ist aber ab 2020 zu erwarten. Dann haben auch die deutschen Autobauer ein kompletteres Angebot an reichweitenstarken Elektroautos im Markt. Von daher geht CAR bereits zum Jahr 2025 von 30 % Marktanteil der NEV in China aus. Das entspräche dann 10,6 Mio. Verkäufen von Elektroautos in China. Der VW-China-Chef Heizmann sprach auf einem Kongress im Januar von der Zielmarke 1,5 Mio. NEV-Verkäufe des Konzerns für das Jahr 2025 in China. Das entspräche dann einem VW-Marktanteil bei Elektroautos von 14 %.  

China verändert die Welt, und noch mehr die Autowelt. Die gebetsmühlenartigen Bekundungen etwa des VDA-Präsidenten Wissmann, dass der Diesel auch nach 2030 noch große Bedeutung haben wird, treffen ins Nirwana. Statt sich dem Fortschritt – wie bei den Chinesen in Shanghai zu stellen – versucht der Verband mit Beruhigungsreden technischen Fortschritt wegzureden. Der VDA steht für Technik von vorgestern und die großen deutschen Automedien machen es ihm nach.  

Hohe Dynamik und Marktmacht. Ebenfalls ein paar Tage vor der Shanghai Auto hat der chinesische Autobauer Changan und der chinesische Start-up NextEV ein Milliarden-Joint-Venture geschlossen. Ziel ist der Bau des ersten Werks für Modelle der Elektroauto-Marke NIO. Nach Presseberichten haben Changan und NextEV rund 1,45 Mrd. USD  in die neue Gesellschaft mit dem Namen Yangtse River Automobile New Energy Developement Company investiert. Zentrale Aufgabe des neuen JV ist die Entwicklung und Produktion von Elektroautos. Als Standort für das erste Werk der NextEV-Marke NIO wurde ein Industriepark in Wuhan ausgewählt.   

Während bei den traditionellen europäischen Automessen wie in Genf die gleichen Autos mit anderem Design stehen und man in Frankfurt im September fast eine Massenflucht von Autobauern befürchten muss, blüht in Shanghai die Zukunft. Das demonstrieren in Shanghai auch die etablierten Autobauer. Eine ganze Reihe zukünftiger Premium-Elektroautos stehen in Shanghai. Bei Jaguar Landrover ist der Jaguar i-Pace, der mit 500 km Reichweite und einem Lithium-Ionen Akku von 90 kWh um die 75.000 Euro in den Verkauf kommt, das erste rein elektrische Fahrzeug der Engländer. Verkaufsstart soll 2018 sein. Zusätzlich für 2018 ist der Audi E-Tron Quattro und vollelektrische Volvo BEV zu erwarten.   

Und dann natürlich Tesla mit seinem Model 3, das aber 2018 zu haben sein wird und schon jetzt den deutschen Herstellern, die noch auf Uralttechnologie und Verschwendung von fossilen Resourcen setzt, das Fürchten lehrt. Mit Model 3 werden die Kalifornier um 2019 die 500.000er-Produktionsgrenze erreichen. Daimler und BMW müssen sich sputen, wenn sie nicht das Nachsehen haben wollen. Zu lange haben die deutschen Autobauer den Verbandspräsidenten der deutschen Autobauer (VDA) Matthias Wissmann über den Clean-Diesel schwadronieren lassen. Selbst die Deutsche Post ist mit ihrem Street Scooter schneller als man sich beim VDA das erträumt. Immerhin war der Street-Scooter der Post das am viertstärksten in Deutschland zugelassene Elektroauto im Jahre 2016, nach Renault, BMW und Tesla. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet die Post den deutschen Autoherstellern die „Rücklichter“ beim Autobau zeigt.

Die Elektromobilität verändert die Branche nachhaltig und das ist in Shanghai zu sehen und zu spüren, nicht aber in Genf und schon gar nicht in Frankfurt.  

China rüstet sich zur Exportoffensive. Shanghai ist die Auto-Messe der Zukunft und Zukunft hat viel mit China zu tun. 2016 wurden in China 23,76 Mio. Pkw produziert. Das waren 29 % aller weltweit gebauten Pkw. Im gleichen Jahr haben die Chinesen 23,69 Mio. Pkw gekauft. Somot haben 28 % aller weltweit verkauften Pkw im Reich der Mitte ihre Käufer gefunden. China hat etwa gleichviel Pkw produziert wie verkauft. Für Donald Trump wäre das ein „Autoparadies“.   

Die Marktabdeckung Chinas steigt in den nächsten Jahren deutlich schneller als der chinesische Automarkt, sprich die Export-Offensive läuft noch vor 2020 stärker an und der Quotient Marktabdeckung klettert dann über 100 %. Die Chinesen sind soweit, dass ihre Marken in den westlichen Ländern Käufer finden. Hinzu kommt, dass Autobauer wie Ford und vermutlich auch VW, Elektroautos in China für die Weltmärkte produzieren werden.   

Changan, Great Wall und Geely sind die drei größten chinesischen Automarken, die kontinuierlich ihre Marktposition ausbauen und in nicht allzu ferner Zukunft auch in Europa mit ihren Produkten aufwarten. Changan kam 2016 auf 1,2 Mio. Neuwagenverkäufe, Great Wall auf 1,07 Millionen. Geely lag – ohne seine schwedische Tochter Volvo – 2016 bei 980.000 Autos und in den ersten beiden Monaten 2017 stiegen die Geely-Verkäufe um 105 %. Die Börse honoriert solche Zahlen. Der Geely-Aktienkurs kletterte in den letzten zwölf Monaten um mehr als 200 %. Weltkonzerne wie VW, GM und Toyota treffen in China auf ernst zu nehmende einheimische Konkurrenz, die längst der Statisten-Rolle entwachsen ist. Chinesische Autos von lausiger Qualität? Das war einmal. Allein mit seiner Submarke Haval konnte Great Wall seine SUV-Verkäufe 2016 um mehr als ein Drittel auf knapp 940.000 Neuwagen steigern. Die neuen Chinesen sind in Qualität, Design und Technik den deutschen Marken ebenbürtig.   

China wächst auf 35,5 Mio. Autoverkäufe bis 2025. Die großen Unternehmen der Automobil- und Zulieferindustrie investieren auf hohem Niveau in den Ausbau ihrer China-Aktivitäten. So hat die Robert Bosch GmbH in 2016 rund 780 Mio. USD in China investiert und beschäftigt dort inzwischen 60.000 Mitarbeiter. Die drei großen deutschen Premiummarken haben im letzten Jahr 1,58 Mio. Neuwagen in China verkauft, ein Plus von 13 %. Auch deshalb wird in hohem Tempo in China in den Ausbau der Fertigungskapazitäten gesetzt. Ein mächtiger Anteil der lokalen Fertigung konzentriert sich auf Produkte, die sich stark am Geschmack der chinesischen Kunden orientieren. Audi und BMW bauen derzeit jeweils fünf ihrer Modelle in China, bei Mercedes sind es sieben. Bis zum Jahr 2020 werden Audi, BMW und Mercedes ihre chinesische Fertigung auf 27 Modelle ausbauen.   

Für Audi, BMW, Mercedes ist China der größte und gleichzeitig einer der dynamischsten Absatzmärkte, auch wenn die hohe Wachstumsgeschwindigkeit in den nächsten Jahren nicht mehr ganz so stark sein wird. Nach CAR-Prognosen wird der chinesische Pkw-Markt bis zum Jahre 2025 von derzeit 24 Mio. auf knapp 35,5 Mio. Pkw-Verkäufe steigen. Das entspricht von 2016 bis 2025 einer durchschnittlichen jährlichen Absatzsteigerung von 4,6 %. Damit wird 2025 ein Drittel aller weltweiten Pkw-Neuwagenkäufer in China leben. Zur Erinnerung: 2005 entfielen auf China nur ganze 6 % des Pkw-Weltmarkts.   

Shanghai bedeutet grüne Mobilität. Mehr denn je setzt China die Regeln in der Automobilindustrie. Dabei spielt bei allen Chinesen grüne Mobilität eine Schlüsselrolle. Dafür nehmen sie viel Geld in die Hand. So will z.B. Great Wall innerhalb des nächsten Jahrzehnts mehr als 8,6 Mrd. USD in grüne Technologien stecken. Konzernchef Wang Fengying rechnet in den kommenden Jahren mit einem Absatz von 600.000 New Energy Vehicles (NEV).  

Von Peking geplante Elektroauto-Quote wirkt. Noch vor dem Jahr 2020 müssen die Autobauer einen immer größer werdenden Teil ihrer Neuwagen als NEV verkaufen, sonst drohen hohe Strafzahlungen. Volkswagen hat darauf reagiert. Mitte März verkündete Konzernlenker Matthias Müller, dass die Gespräche mit dem chinesischen Autobauer JAC zur Produktion preisgünstiger Elektroautos in China weit fortgeschritten seien. Zusätzlich will VW seine Mobilitätsdienste in China hochfahren und hat mit dem CarSharing Anbieter GoFun eine weitere Kooperation vereinbart.   

China bleibt auch bei den Verkäufen die Lokomotive für das Autogeschäft. Das Weltautogeschäft wächst seit 2005 überwiegend durch China. Das bleibt auch in den nächsten Jahren so. China und Asien entwickeln sich immer stärker zum neuen Mittelpunkt der Autoindustrie durch Marktgrößte und die Umsetzung technischer Innovationen. Das innovative Auto kommt aus China und genau das zeigt die Shanghai Auto 2017. In Europa aber wird zu einem großen Teil wohl auch in absehbarer Zeit nur Alt-Technik verkauft. Quelle: CAR Institut / NF

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